Erwartungen und Burnout

Ich bin in einer komischen Stimmung, von dem Moment an, wo alle Pakete zur Post gebracht sind – 160 Pakete, in denen sich mein Buch befindet. Die restlichen 800 Exemplare sind im bekanntesten anarchistischen Onlineshop zu haben (komisches Gefühl).

Mein Buch. Die meisten Menschen scheinen zu glauben, dass ich jetzt etwas erreicht habe und mich das glücklich machen sollte. Ich halte dieses Ding in den Händen und … was? Fühle mich stolz? Nein, mir fällt auf, wie verdammt schwer das Teil geworden ist – das wohl schwerste Buch, das ich besitze, obwohl es nicht das dickste ist. Mir fällt auf, dass das Cover um ein paar Millimeter verrutscht ist, weil die Buchrückenstärke falsch berechnet wurde (oder habe ich mich verrechnet?), der Titel nun minimal abgeschnitten ist und auf dem Buchrücken rechts sitzt. Das hält mich eine Nacht mindestens zwei Stunden wach. Nicht, dass ich jetzt noch etwas daran ändern könnte, aber das hält mich natürlich nicht davon ab, mich zu ärgern. Unprofessionell, sagt eine Stimme in meinem Kopf.

Die Tage vergehen mit einer Mischung aus zu wenig Zeit haben, um all die Dinge zu organisieren, die es als Selfpublisher zu tun gibt und zu viel Zeit haben, die mit Zocken und Netflix gefüllt werden muss, bevor ich wieder anfange, über alles nachzudenken was mich deprimiert.

Ich fühle mich wie ein nasser, vier Tage alter Pfannkuchen, der beim Aufräumen hinter die Spüle gefallen ist. Aber wenn ich auf das letzte Jahr schaue, dann ist es vielleicht gar nicht so abwegig, dass ich mich davon noch nicht erholt habe. Ich habe Energie in politische Projekte gesteckt, zwei Ausbildungen angefangen und abgeschlossen, ein Praktikum gemacht, das Crowdfunding organisiert, das Buch überarbeitet und gesetzt, Lesungen gehalten, Erwachsenenscheiße gemacht und Buchdruck-Komplikationen aushalten müssen. Und das alles so lange und intensiv, bis meine Lieblingsmenschen mich quasi vom Computer ins Bett tragen mussten. Ende November habe ich nur noch 50kg gewogen. Mittlerweile sind es zum Glück wieder 54.

Klar wusste ich irgendwie, dass ich auf ein Burnout zusteuere. Aber eine Kursänderung? Keine echte Option, wenn ich einem Haufen Menschen ein Buch versprochen und sie mir Geld dafür gegeben haben. Es gab niemanden, der mir diese Arbeit hätte abnehmen können. Also habe ich einfach immer weiter gemacht, bis gar nichts mehr ging und ich nur noch auf dem Sofa liegen und Naruto schauen konnte.

Ich fühle mich weit weg von allen anderen Menschen, die nicht wissen, was es für mich bedeutet hat, dieses Buch zu veröffentlichen und wie viel Arbeit da drin steckt, auch wenn ich es ihnen nicht verübeln kann. Woher soll man schon wissen, dass man so ein Buch nicht einfach nur schreibt und dann drucken lässt? Dass allein der Buchsatz, also das Layout auf jeder einzelnen Seite manuell angepasst werden muss, wie viel nerviger Social Media Kram hinter einem Crowdfunding steht, wie viel schief gehen kann (und tut), dass man für das Verlegen von Büchern ein Gewerbe anmelden muss und ein Impressum braucht, wofür man einen Impressums-Service bezahlen sollte, wenn man nicht eines Tages transphobe Nazis vor der Tür stehen haben will.

Auch jetzt, wo ich mit dem Buch objektiv gesehen fertig bin und mich freuen könnte, denke ich darüber nach, dass ich ja eigentlich über einige der Inhalte schon wieder meine Meinung geändert habe und dringend einen zweiten Teil schreiben sollte – dass ich sowieso einen zweiten Teil schreiben muss, der besser ist als der erste, auf allen Ebenen. Radikaler, durchdachter und am besten schnell, denn der Klimawandel wartet ja nicht! Und weil ich kein Schaukelstuhl-Anarchist werden möchte und es keinen Style hat, über Dinge zu schreiben, aber sie selbst nicht zu praktizieren, sollte ich dringend ein paar direkte Aktionen machen. Aber so richtig effektive Aktionen. So Sachen, die ich vorher noch nie gemacht habe. Vielleicht sollte ich ins Gefängnis gehen, damit ich darüber schreiben kann? Alà Method-Writing. Super Idee.

Nicht.

Stattdessen gehe ich laufen und klettern und esse viel. Spiele Sunless Sea und Knights of the Old Republic und schlafe lang. Lese CrimethInc. Bücher und hoffe, dass der Winter bald vorbei ist.

Ab und zu meldet sich wer bei mir und gibt Feedback zum Buch. Und das macht jeden Tag ein bisschen besser.

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